Der offizielle Kommentar des BesD findet sich hier: http://berufsverband-sexarbeit.de/kommentar-zu-aus-der-deckung-von-ann-katrin-mueller-spiegel-142015/

Vielen Dank für diese wertvolle Lektion in Sachen „Journalismus“.

Ich denke mit Freude an unser Treffen in der kleinen italienischen Brasserie in Neukölln zurück, in dem Sie mich interviewt haben. Ich trug Jeans und Pullover, immerhin kam ich mit dem Fahrrad und die Temperaturen lagen so bei 4°C oder so. Ich bewundere Ihre Imagination, dass Sie sich vorgestellt haben, ich trüge ein durchsichtiges Oberteil. Aber so ist das ja mit meinem Beruf, wenn Protagonisten brav und langweilig daherkommen, dann erfindet man ein paar pikante Details. An das ältere Ehepaar und die Interaktion kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern. Jedoch daran, dass Sie mich gebeten haben, lauter zusprechen, denn Sie würden gleich das Aufnahmegerät anschalten. Die 6 köpfige Gesellschaft, die sich laut lachend auf ihr Abendessen freute, hat mehr Köpfe rücken verursacht.

„Regulierung […] brauche man nicht“, hätte ich gesagt, so haben Sie geschrieben. Das ist so nicht richtig. Eine Überregulierung, die an der Lebenswirklichkeit der Sexarbeiter_Innen vorbeigeht, brauche man nicht. So ist das richtig. Schade, dass Sie den Unterschied nicht erkannt haben.

Stimmung gemacht habe ich, sagen Sie auch, na gut, so kann man das umschreiben, wenn Menschen sich aktiv am demokratischen politischen Prozess in dieser Gesellschaft beteiligen. Dann habe ich eben „Stimmung“ gemacht, als ich vernünftige Argumente zusammen getragen habe, recherchiert habe, mit Wissenschaftler_innen und Kolleg_Innen gesprochen, vorgetragen und Medienarbeit gemacht habe. Das darf man schon so nennen, wenn einem alternative Beschreibungen fehlen. Man kann sich übrigens im Netz angucken, wie ich „Stimmung“ gemacht habe, Sachverhalte differenziert darstelle und so weiter.

Hier zum Beispiel: https://www.youtube.com/watch?v=Y2QCg7bP4VY

Oder hier: http://www.taz.de/!155961/

Oder hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/fabienne-freymadl-warum-wird-eine-sozialarbeiterin-domina.970.de.html?dram:article_id=309149

Oder hier: http://www.kulturradio.de/zum_nachhoeren/zeitpunkte.html (Ein wenig scrollen bitte)

Oder hier: http://www.exberliner.com/features/people/there-are-women-like-us-who-like-their-jobs/

Oder hier: http://www.thesundaytimes.co.uk/sto/news/world_news/Europe/article1464564.ece

Das Thema „Kondompflicht“ kam wohl auch nicht so ganz an, nicht wahr? Ich erkläre mal deutlich: Kondome schützen nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften, sondern vor sexuell übertragbaren Krankheiten. Insofern ist das benutzen eines Kondomes absolut notwendig. Mit einer Kondompflicht alleine ist es jedoch nicht getan: Aufklärung muss her. Aufklärung, so weiss man aus jahrzehntelanger Erfahrung, vor allem Aufklärung der Allgemeinbevölkerung, ist teuer. Das kostet Geld und Energie, die der Staat nicht gerne frei  gibt. Da verabschiedet die Politik doch lieber ein Gesetz zur Kondompflicht, lehnt sich entspannt zurück und sagt: „Ist doch alles prima!“. Gar nichts ist prima. Die Freier möchten noch immer AO und die Kolleg_Innen, die aus Unwissenheit oder prekärer Situation heraus agieren, sind kein Stück schlauer. Die ausländischen Kolleg_Innen kennen sich doch jetzt schon mit der Gesetzeslage nicht aus. Da ist es Augenwischerei zu behaupten, die Kondompflicht würde alles richten. Ich glaube, ich habe das auch besonders ausführlich erklärt. Schade, dass Sie das nicht verstanden haben.

Ich erinnere mich auch dran, dass Sie wissen wollten, wieviel Mitglieder wir haben. Na? Was habe ich geantwortet? Damit ich nicht lange auf eine Antwort warten muss, die sowieso nicht kommt, hier die Auflösung: Ich weiss es (noch) nicht genau, denn ich pflege die Mitgliederzahlen nicht ein. Ausserdem habe ich keine Lust Zahlen zu erfinden, in einer Branche, in der grundsätzlich nur erfundene Zahlen rumschwirren. So was doofes langweilig-organisatorisches schon wieder. Macht nix, mag man sich da denken, schreiben wir mal „möchte das nicht sagen“. Klingt ja auch gleich viel subversiver und kann man sich ja schöne eigene Details dazu denken. Das gefällt dem Leser. Da freut sich der Chefredakteur!

Zahlen, Fakten, ach, entschuldigung, das hab ich jetzt verwechselt, das war ja das andere Magazin, wie dumm von mir.

Und dann wird mal wieder darauf rumgetreten, dass man „persönliche Belange“ befördert. Na oh Wunder, Ann-Kathrin! Wird uns jetzt vorgeworfen, dass wir Huren für Dinge eintreten, die gut für Huren sind? Na sowas aber auch! Ist das tatsächlich so aussergewöhnlich in der Lobbyistenlandschaft? Wofür treten denn die anderen so ein? Für das Füllen ihrer eigenen Säckel? Na dazu gehören wir ja nun mal nicht. Auf der letzten Mitgliederversammlung haben wir beschlossen, dass wir Offenheit unserer Arbeit zu Grunde legen. Insofern darf sich der geneigte Leser bald auf einen ehrlichen Finanzbericht freuen. Damit man auch mal merkt, welche millionenschweren Finanzierungen (Achtung, das ist Satire!) hinter unserem Verband steckt. Da wird jeder Kegelverein in Zukunft ein Seminar bei uns buchen, wie man mit so wenig Kohle so eine Interessensvertretung auf die Beine stellen kann. Übrigens: Kollegin Tanja Sommer betreibt kein Dominastudio und hat das noch nie getan. Macht aber nix, wenn man das eh nicht so genau mit den Fakten nimmt, nicht wahr?

„Auf Nachfrage“ hätte ich zugegeben, dass auch Betreiberinnen im BesD aktiv sind. Oh Mann! Mittlerweile muss ich über so Formulierungen ja nur noch grinsen. „Auf Nachfrage“. das ist doch kein Geheimnis! Und für jemanden, der sich auch nur das klitzekleinste bisschen mit der Lebenswirklichkeit von Sexarbeiter_Innen auskennt, liegt das doch auf der Hand! Was macht man denn, wenn man in die Jahre kommt, oder einem via günstiger Gelegenheit an gute Arbeitsorte kommt? Man entwickelt sich weiter und „macht Karriere“. Im Bürojob wird man Büroleiter (oder so, ich kenn mich da nicht so aus), als Kassiererin kann man Filial- oder Bezirksleiterin werden. Und als Sexarbeiterin? Wenn der Umstieg keine Option ist? Dann übernimmt man eben einen Laden oder baut sich selbst was eigenes auf. Und da kann man noch so fair und ordentlich seinen Laden führen, mit den besten Bedingungen für eigenständig arbeitende Kolleg_Innen, und man wird dennoch in die „Böse Betreiber Ecke“ gedrängt. Wie sagt man da im Neudeutsch so schön? *FACEPALM*

Aber ich verstehe auch, wo es da im Hirn knirscht. Schliesslich hat man ja seine Vorstellung im Kopf, von der geknechteten Sexarbeiter_in, da muss eine Journalistin schon ein wenig färbend eingreifen, um diese Stimmung auch tatsächlich rüber zu bringen. Oh je, habe ich jetzt etwa genau das von Ihnen behauptet, was Sie über mich geschrieben haben? Sie hätten Stimmung gemacht? Wie konnte das nur passieren? Ach ja, stimmt, wenn man Ihren Text so liest, drängt sich diese Idee auch tatsächlich auf.

„Das Problem scheint eher zu sein, dass die sogenannten Prostituiertenverbände die Nöte von vielen Huren gar nicht zur Kenntnis nehmen.“ Genannt werden dann wieder gewaltpornografische Beispiele. Was sind denn die Nöte der Huren?

Krankenversicherung, zum Beispiel. Der fehlende Nachweis der osteuropäischen Kolleg_Innen der Vorversicherung, so wird ihnen der Zugang zur sozialen Absicherung verweigert.

Wohnungsnot. Ganz grosses Problem. Wenn man bei Hydra beim Peer Projekt mitgeht, schildern einem die Kolleg_Innen genau dies. Sie wollen bezahlbaren Wohnraum.

Stigmatisierung und das damit verbundene Doppelleben. Glauben Sie nicht? Erzählen Sie doch mal spaßeshalber auf der nächsten Party, Sie hätten sich auf dem Strassenstrich durchs Studium gebracht. Haben Sie Kinder? Na erzählen Sie mal in der Schule, was Sie beruflich machen. Oder beim Jugendamt.

Sonderbesteuerung. Sperrbezirksverordnung, Verlust der Privatsphäre, anlassunabhängige Kontrollen, Strafen für die Nichteinhaltung der Kondompflicht (in München zahlt die Sexarbeiterin, wenn der Freier kein Kondom möchte), Anfertigung illegaler Bewegungsprofile durch Polizei, willkürliche Sonderbesteuerung, fehlende Regulierungen (ja, Sie lesen richtig. Durch viele fehlende Regulierungen entseht eine Rechtsunsicherheit!), mangelndes Arbeitsrecht.

All das sind wichtige und notwendige Punkte, die man dringend ansprechen und bearbeiten muss. Leider ganz unspektakulär. Und bei weitem auch nicht abschliessend in ihrer Auflistung!

Ja und natürlich machen Menschen Arbeiten, die sie nicht so gerne tun wollen, unter extremen wirtschaftlichem Zwang. Nur ein Bruchteil der Menschen, die sich in der Pflegeindustrie, der Landwirtschaft (Stichpunkt Erntehelfer), der fleischverarbeitenden Industrie für teilweise Hungerlöhne verdingen, machen das, weil sie es so super finden. Ihnen bleibt keine andere Wahl. Oft werden Sie auch gehandelt und gezwungen, müssen in übelsten Abstiegen hausen und werden um ihren Lohn betrogen, rechtlos nach Hause ins Herkunftland geschickt. Was hilft diesen Menschen? Diesen Fleischern, Erntehelfern, Bauhelfern,Pflegern, Sexarbeitern? RECHTE!

Arbeitsrechte!

Das habe ich Ihnen auch erklärt. Aber das passt ja nicht in Ihre Stimmung. Macht nichts. Sie müssen ja nicht auf unserer Seite sein. Deswegen sind wir ja da. Weil sich Menschen nicht für uns einsetzen, sondern lieber ihr klischeehaftes Vorurteil befeuern. Deswegen organisieren sich die, die keine Stimme haben. Mühsam zwar und langsam, in ihrer Freizeit, entgegen all den Steinen, die Ihnen die Abolitionistinnen in den Weg legen. Gerne stellen wir uns da dafür vorne an den Pranger und lassen uns beschmutzen. Für die Kolleg_Innen, die sich diesen Luxus eben nicht leisten können.

[Übrigens: wir hatten abgemacht, dass der Name des Fotografen bei dem abgebildeten Bild dabei steht. Haben Sie vergessen, nicht wahr?] (Version vom 29.03.2015)
Mittlerweile habe ich Antwort erhalten, in der ich darauf hingewiesen wurde, dass das Bild korrekt referenziert wurde, wenn man ganz genau unten rechts an den Mittelfalz guckt, findet man den Fotografennamen. Frau Ann-Katrin Müller ist sich aber ansonsten sicher, sie hätte alles korrekt dargestellt, wir würden lediglich anders bewerten.

Ach ja, ich habe ja gesagt, es war lehrreich, mich mit Ihnen zu treffen.

Danke dafür. Hier meine zukünftige Guideline für solche Treffen:

1. Selfie mit der Journalistin.

2. Eigenes Aufnahmegerät mit der Bestätigung, das Interview veröffentlichen zu dürfen, sollte ich den Artikel nicht genehmigen dürfen.

3. Zeugin, die beim Interview dabei ist.

4. Saftiges Honorar, für so eine Bestätigung des eigenen Kopfkinos muss jeder Gast Geld bezahlen.

Selbstverständlich gilt das nur für den Spiegel.

Sogar die Bildzeitung kann das besser: http://www.bild.de/politik/inland/prostitutionsgesetz/diese-huren-beraten-die-regierung-37239106.bild.html

Alles in allem, ein eher schwacher Versuch, aber Übung macht bekanntlich den Meister.

Liebe Grüße

„Domina Freymadl“

*Zitiert aus „Der Spiegel 14/2015“

 

P.S. : Danke für den Traffic auf der Website, ich erhalte gerade doppelt so viele Klicks wie üblich…

PP.SS.: Ah, was wundert mich das denn, Sie sind ja schon bekannt für so eine „Qualität“: https://diego62.wordpress.com/2013/08/28/die-allianz/

Zur weiteren Information, lege ich Ihnen noch folgende Texte ans Herz:

http://menschenhandelheute.net/2015/03/29/prostitution-spiegel-dubiose-verbaende-wie-sexarbeiterinnen-und-betroffene-von-menschenhandel-gegeneinander-ausgespielt-werden/#more-3247

http://blog.bizarrlady-undine-hamburg.de/2015/01/das-maerchen-von-der-zuhaelterlobby/

 

Update 29. April 2015 Thilo Baum, Kommunikationswissenschaftler, Autor und Journalist, hat einen wunderbaren Kommentar zum Thema geschrieben:
http://www.thilo-baum.de/lounge/kundenorientierung/spiegelabogekuendigt/

Ich sage danke für diesen nüchternen und kristallklaren Kommentar.

7 Kommentare
  1. Tim
    Tim sagte:

    Kommentar von einem Freier…
    Diese Art von Journalismus hätte ich vom Spiegel so nicht erwartet, eher von der Bildzeitung.Echt enttäuschend!

    Antworten
  2. Wolf
    Wolf sagte:

    Hallo verehrte Lady Velvet Steel,
    ich habe den Artikel im Spiegel nicht gelesen, werde das auch nicht tun, weil Ihr Kommentar dazu viel, viel informativer, ehrlicher und engagierter ist, als der Spiegel
    jemals sein wird.

    Antworten

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  1. […] had claimed that Freymadl was wearing a transparent top and a black bra. In her reaction, Freymadl wrote: “I was wearing jeans and a sweater. I admire your imagination for thinking I had […]

  2. […] Freymadl hätte ein durchsichtiges Oberteil und darunter einen schwarzen BH getragen. In ihrer Reaktion schrieb Freymadl: „Ich trug Jeans und Pullover. Ich bewundere Ihre Imagination, dass Sie sich […]

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